Skandal/YouTube

Von den Opfern und Tätern der YouTube-Szene

Wir sind doch alle (zumindest zu einem kleinen Teil) Idealisten.

Und wenn bestimmte Sachverhalte oder Persönlichkeiten uns nicht mit der Realität konfrontieren, neigen wir dazu, uns im Kopf unsere eigene kleine utopische Version davon zu erstellen.
Klar: Es mag helfen, sich in den eigens kreierten Mikrokosmos zu flüchten, um dem manchmal unangenehmen Alltag temporär zu entgehen, aber sowas kann auch gehörig schiefgehen.
Hierzu möchte ich von einem Vorfall in der YouTube-Szene im Vereinigten Königreich berichten:

Alex Day war sieben Jahre lang auf YouTube aktiv und hat jetzt über eine Millionen Abonnenten, aber seit Februar kein einziges Video mehr hochgeladen.
Grund dafür ist wohl der Missbrauchskandal um ihn. Day wird vorgeworfen, er habe über viele Jahre hinweg weibliche, minderjährige Zuschauerinnen – man könnte sagen „Fangirls“ – manipuliert und sowohl emotional als auch sexuell missbraucht. (Definition „Fangirl“: http://de.wikipedia.org/wiki/Fan#Konsum)

Diese Vorwürfe basieren auf Aussagen betroffener Mädchen, die sich größtenteils sehr spät (etwa erst nach sieben Jahren) mittels Social Media an die Öffentlichkeit wagen. (Links sind unter „Weitere Quellen“ am Ende des Texts zu finden) Folglich sind Days Missbräuche weder Einzelfälle noch Vorfälle, die erst kürzlich stattfanden (was diese, entgegen einiger Meinungen aus Großbritannien, auch nicht legitimieren würde).
In besagten Berichten schreiben die Mädchen von Treffen mit Day, bei denen er sie zu sexuellen Akten zwingt oder sie emotional erpresst und droht, seine Opfer gewaltsam aus seinem Leben zu streichen, sollten sie nicht das tun, was er will.

Weil diese Mädchen aber nun Fangirls waren, also Gefühle für ihren idealisierten YouTube-Star empfunden haben und ihn keineswegs enttäuschen wollten, beugten sie sich Days Forderungen.
Alex Day hat also seine Bekanntheit und Reichweite ausgenutzt, um junge Mädchen so zu manipulieren, dass er Genugtuung und Befriedigung erlangt.
Zu diesen Vorwürfen verfasste er ein Statement auf seinem Blog, der mittlerweile aber offline ist.

I don’t consider myself a particularly good person, although I am trying to be better. There are definitely things that I’ve done in the past that were not good things to have done. I have, sometimes, treated people badly, manipulated people, been rude or mean to people, even cheated on people in the past. It’s awful. Of course it’s awful. I’m telling you about it because it’s in my past, because people are flawed, some much more than others, and because I believe the mark of a good person lies in that person’s capacity to apologise for what they’ve done, take responsibility for their actions and make sure they learn from the pain they’ve caused in order to make sure they never do anything like it again.

At no point in my life have I ever had a sexual relationship with someone under the age of consent.
(For full disclosure, I’ve said publicly that I lost my virginity at age fourteen, but the girl in question was sixteen – the UK age of consent – so this point stands.)
At no point in my life have I ever undertaken any romantic activity, sexual or otherwise, without being sure the other person wanted it.

I’m sure there are other people on the internet – and in the world – who have had problems with things I’ve done in the past. I know this because I myself have many problems with many things I’ve done in the past. But to reiterate the bold points once again: I have never had a sexual relationship with someone under the age of consent, nor have I ever undertaken any romantic activity, sexual or otherwise, without being sure the other person wanted it.

I feel incredibly ashamed to have mistreated people in the past, and for the unhealthy relationships I have previously instigated or allowed to carry on when I should have been more responsible. I’ve been honest about that in the past and will continue to honest about my past failures, as well as my attempts to make amends for them. Honestly, right now, I’m absolutely terrified of losing everything in my life that I care about because of this. I’m terrified that I’ve misinterpreted signals from people who didn’t want things to happen like I thought they did, and that I’ve caused genuine harm to people without meaning to. But I also can’t help acknowledging that this discussion is good. People should always be encouraged to speak up in cases where they feel uncomfortable or mistreated, and the signal boosting of such cases are necessary to help other people that have been mistreated to a) speak up themselves to make people more aware of how their actions are interpreted and b) feel more empowered to voice their concerns next time before things go too far.

Ultimately, the decision to believe me, or continue to support my work, is yours alone.“

Wie Day im letzten Satz schon sagt: Ob man das für glaubwürdig (oder ausreichend) hält oder nicht, sei jedem selbst überlassen.

Zudem interessant: Dasselbe wird Tom Milsom (aka. hexachordal), ebenfalls einem britischen YouTuber und Freund von Alex Day, vorgeworfen. Anschuldigungen gegen ihn sind nicht so häufig und werden nicht derart publik gemacht, weil Day wesentlich populärer ist – Aber anhand der Tatsache, dass Day nicht der einzige ist, der in der britischen YouTube-Szene Minderjährige missbraucht, sieht man den Bedarf eines gewissen Grades an Skeptizismus. 
Solcherlei Vorfälle gibt es nicht nur im Vereinigten Königreich oder in anderen vergleichbaren Ländern, wo YouTube einen wesentlich höheren Stellenwert hat als hier. Ähnliches passierte auch schon in der deutschen YouTube-Szene – Auf eine noch perfidere Weise:

Der selbsternannte Imperator Lord Abbadon erstellte schon weit vor seiner weitreichenden Bekanntheit auf YouTube die Facebook-Gruppe „Imperial Bitches“. Auf dieser bat er seine weiblichen, minderjährigen Fans, Nacktfotos von sich zu posten und sich mit ihm zu treffen, um dann auch persönlich ein sexuelles Verhältnis herstellen zu können. Dabei stürzte er sich bevorzugt auf psychisch instabile Mädchen, nutzte ihren Zustand also schamlos aus. Unnötig zu erwähnen, dass auch seine manipulative Art, an sexuelle Befriedigung zu kommen, Früchte trug.
Auch die Betroffenen in diesem Fall meldeten sich relativ spät zu Wort. Ein sehr interessanter Beitrag dazu ist auf dem Blog von Jo Cognito zu finden. (Link weiter unten) Im Gegensatz zu Day bezog Lord Abbadon nie Stellung zu diesen Vorwürfen, war also noch weiter weg von einer Entschuldigung oder Ähnlichem als Day und ging rechtlich gegen jene vor, die ihn öffentlich anprangerten oder weitere Informationen zum Missbrauchskandal um ihn preisgaben.
Zu weiteren, brillant recherchierten Informationen zum Fall des Lord Abbadon verweise ich auf die entsprechenden Artikel von Jo Cognito, bevor ich das gleiche nochmal schreibe:

http://www.videoamt.com/du-bist-youtube-star-nimm-mich/ – Chatlogs zwischen Lord Abbadon und einer Betroffenen und ein Interview mit ihr

http://www.videoamt.com/videoday-2014-eine-buehne-auch-fuer-sexualstraftaeter/ – Missbrauch wird vertuscht und Lord Abbadon zieht rechtliche Konsequenzen

Nach dem Erläutern dieser zwei Fälle mein Resümee:
Der Begriff „Fangirl“ (bzw. „Fanboy“) ist mehr als die meisten darunter verstehen.
Ein Fangirl kann echte Gefühle für seinen Verehrten empfinden, neigt dazu, diesen blind, beleidigend und ohne verifiziertes Hintergrundwissen gegen Kritiker zu schützen und es kann dazu kommen, dass sie sich in ihrer Utopie, ihrem idealisierten Menschen verrennt. Es fällt manchen schwer, abzuwägen, wie weit man mit so jemandem gehen kann und es entstehen Probleme einzuschätzen, welche Absichten und Amoralitäten hinter den „süßen Worten der Verheißung“ stecken.
Ab und an mal geistig aus der eigenen Haut zu gehen und sich zu fragen, ob das eigene Fan-Dasein nicht ungesunde Ausmaße annimmt, vielleicht eine objektive Meinung von Außenstehenden einzuholen, sei jedem ans Herz gelegt.

Nicht alle YouTuber sind das, wofür sie sich ausgeben und manche nutzen ihre Reichweite für ihre eigenen, schmierigen Zwecke – Auch die deutsche YouTube-Szene hat schwarze Schafe. Manche mögen noch nicht enttarnt sein.

Weitere Quellen:

http://alexday-shitstorm.tumblr.com/tagged/statement/chrono – Days Statements

http://alexday-shitstorm.tumblr.com/ – Sammlung aller Betroffenenberichte

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